Vor acht Jahren hatte Matthias Lanzinger seinen schweren Sturz im Skiweltcup. Die erschreckenden Bilder waren damals live im Fernsehen zu sehen. Sein Schicksal erinnert an das von Kira Grünberg. Der Salzburger erzählt uns, wie er sich im Leben nach dem Unfall zurechtfand, wie er den österreichischen Leistungsport sieht und was im Leben Priorität für ihn hat. 

Dein Schicksal hatte in den Medien ein ähnlich großes Interesse wie bei Kira Grünberg. Größer als während der aktiven Karriere?
Ich habe mich nach Kiras Unfall in die Zeit von meinem Sturz zurückversetzt, was mir heute besser gelingt als damals, weil ich den Unfall und das Rundherum zu der Zeit gar nicht so realisiert habe. Bei ihr hat man das hautnah miterlebt. Nach meinem Unfall war das Medieninteresse enorm, wahrscheinlich weil es live im Fernsehen passiert ist. Bekannte von mir waren damals gerade im Urlaub in Dubai und haben das Ganze auf Al Jazeera mitbekommen. Medial wurde der ungewisse und doch tragische Ausgang weltweit aufgeschaukelt. Die meisten Leute haben danach geglaubt, dass mein Leben vorbei ist und keinen Sinn mehr hat. In meinem ersten Interview war es mir sehr wichtig, zu zeigen, dass es mir den Umständen entsprechend gut geht und ich schnell Zuversicht für die Zukunft finden konnte. Ich wusste, wenn ich mich verschließe und zurückziehe, dass ich auch auf der Reha keine Ruhe finden würde. In Norwegen haben sich Journalisten in mein Krankenhauszimmer eingeschlichen, nur um ein Interview zu bekommen. Dass mein Schicksal derart große Wellen geschlagen hat, auch andere für sich etwas davon lernten und neue Kraft für das Leben geschöpft haben, konnte ich erst viel später realisieren.

Hat dir das Medieninteresse geholfen, deinen Unfall zu bewältigen und die Therapien zu finanzieren?
Über die Therapie und die Geschehnisse zu sprechen, hat mir damals sicher geholfen, weil man die Gedanken dadurch nicht in eine Schublade legt, aber irgendwann aufwachen muss und mit den ganzen unaufgearbeiteten Gedanken konfrontiert wird. Was die Finanzierung der Reha angeht, hatte ich das „Glück“, dass es sich um einen Arbeitsunfall gehandelt hat. Da das Skifahren meine Profession war, war die Situation die gleiche, wie wenn ein Dachdecker vom Dach fällt und sich schwer verletzt. Bei einem Freizeitunfall wäre die Situation natürlich viel drastischer gewesen. In meinem Fall hat mich unser Gesundheitssystem aufgefangen; aber ich hatte damals auch keinerlei private Behandlungen, sondern nur das, was jedem zusteht, der sich bei einem Arbeitsunfall so schwer verletzt. Dass ich mich so schnell erholen und mit der Prothese zurechtfinden konnte, war natürlich auch ein Riesenthema für die Öffentlichkeit. Mir ist es auch wichtig, die Leute für dieses Thema zu sensibilisieren. Die meisten Unfälle sind Freizeitunfälle. Wenn man da nicht vorsorgt und abgesichert ist, kann man sehr schnell mit Existenzproblemen konfrontiert sein.

credit1 privat

Du hast studiert und bist mittlerweile bei Salomon und Amer Sports im Marketing. War die Ausbildung schon während deiner Karriere ein Thema?
Das Studium habe ich erst anschließend im Herbst nach meinem Unfall begonnen. Mir war aber auch in der aktiven Karriere immer bewusst, dass es ein Leben und eine Karriere nach dem Profisport gibt. Vorher war mir immer wichtig, zu 100 Prozent auf den Skisport fokussiert zu sein. Simultan eine Ausbildung zu machen, wenn du 250 Tage im Jahr im Skizirkus unterwegs bist, macht kaum einen Sinn.

Also die Message für junge Sportler: Sich bewusst sein, dass man auch nach dem Sport etwas leisten muss, aber während der Karriere zu 100 Prozent auf die sportliche Laufbahn fokussiert sein sollte?
Das kann man so gar nicht sagen und außerdem von Sport zu Sport sehr verschieden. Manche Sportarten kann man stationär durchführen. Wenn man nicht so viel reisen muss, kann man sicher beides parallel schaffen. Als junger Sportler war es mir bis zur Matura immer wichtig, sowohl die schulische als auch die sportliche Ausbildung gleichwertig zu betreiben. Die Matura ist eine wichtige Basis für die Karriere danach. Was Randsportarten angeht, fehlen in Österreich ein wenig die Perspektiven nach der Schule. Als Sportler hat man zwar theoretisch die Chance, gut zu verdienen, aber in 90 Prozent der Sportarten kann man auch auf Weltklasse-Niveau bestenfalls davon leben. Die Opportunitätskosten werden da jedoch nicht mit eingerechnet. Das heißt: Jemand macht eine Ausbildung, steigt ins Berufsleben ein und hat mit Mitte 30 ganz andere Voraussetzungen als ein Sportler, der de facto bei Null anfängt. Hier müssen Perspektiven geschaffen werden, damit Sportler durch die Karriere zumindest nichts verlieren. Ausgesorgt haben die wenigsten nach der sportlichen Karriere. Der Begriff „ausgesorgt“ ist sehr relativ- man will ja nicht 40 Jahre Urlaub machen.

Wie siehst du allgemein die finanzielle Zukunft von Sportlern?
Man kann sicher sagen, dass die Schere zwischen dem „Mittelstand“ und den Siegern im Leistungssport auseinander geht und es immer schwieriger wird, Sponsoren zu finden. Die absolute Spitze wird je nach Marktwert immer mehr verdienen. Es kommt auch immer mehr darauf an, wie gut sich ein Sportler vermarkten kann. Für den Skisport herrscht gerade in Österreich ein großes Interesse, und so lässt sich auch der Marktwert von einem Marcel Hirscher erklären. Das ist nicht anders als in der Wirtschaft im Sinne von Angebot und Nachfrage.
Aber auch bei den Siegern ist die Halbwertszeit der Popularität deutlich kürzer geworden.
Das hat sicher mit den Entwicklungen in den Medien und vor allem mit den sozialen Medien zu tun. Durch diese Schnelllebigkeit können hohe Werbewerte erzielt werden, die aber auch sehr schnell wieder weg sind. Vor 30 Jahren gab es nur ein paar etablierte Medien und das Staatsfernsehen, dadurch wurde nur eine Handvoll Sportler sehr berühmt.
Auf die Frage, wie in Zukunft hochwertiger Journalismus finanziert wird, hat noch keiner so richtig eine Antwort drauf. Man muss flexibel bleiben und sich anpassen. Das war eine ähnliche Erfahrung bei meinem Unfall. Egal, was ich gemacht habe, ich konnte ihn nicht mehr rückgängig machen. Ich konnte die Situation nur annehmen und das Beste daraus machen.

Was ist für dich das schönste an deinem Beruf?
Heuer stehen die Olympischen Spiele in Rio vor der Türe und für viele Athleten sind sie das das absolute Highlight ihrer Karriere. Hier entscheidet sich, ob Kindheitsträume in Erfüllung gehen und um Medaillen mitgekämpft wird. Der große Traum von Olympia war auch für mich der Grund, wieso ich nochmal ein Comeback im Behindertensport gegeben habe. Diesen Jugendtraum, einmal bei so einem Großereignis am Start zu stehen, musste ich mir noch erfüllen. Dieses eine besondere Event ist für viele Sportler der Antrieb, über so viele Jahre hart zu arbeiten und Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Deswegen ist es für mich auch so etwas Besonderes, dass ich nun mit Salomon beim ÖOC das Olympia-Projekt leiten darf und hier die Athleten auch mit meiner Erfahrung und Ausbildung unterstützen kann. Als Ex-Sportler ist dir da auch die Bedeutung einer Top-Ausstattung bewusst. Da kann ich mit Salomon einfach den größten Mehrwert für die Athleten erzielen und mich richtig hineinleben.

Salomon -Pressefotos-13-2

Hat der Sport den richtigen Stellenwert in der Gesellschaft?
Ich glaube, dass es hier eine Schere gibt, die immer weiter auseinanderklafft. Auf der einen Seite eine Gruppe, die generell sehr engagiert ist, sich sportlich zu betätigen, aber auch ganz allgemein auf einen gesunden Lebensstil achtet. Auf der anderen Seite gibt es den Teil, der sich in der Wohlstandsgesellschaft nicht wirklich zurechtfindet und sich treiben lässt. Hier ist es sehr wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten. Das muss gar nicht zwangsläufig mit einem Leistungsgedanken in Verbindung stehen. Es geht vielmehr um ein Lebensgefühl, bei dem ein gesunder und vitaler Lebensstil die Hauptrolle spielt. Was unsere Kinder angeht, ist auch eine sportliche Ausbildung sehr wichtig. Genauso wie Kinder Rechnen, Lesen und Schreiben lernen, sollten sie auch Schwimmen und Radfahren können. Weil wir in den Alpen leben, steht da eben auch das Skifahren ganz weit oben. Würden wir in Italien am Meer leben, müsste ein Kind Segeln oder Surfen lernen. Skifahren gehört einfach zu unserer Identifikation. Da finde ich es auch schade, dass Skischulwochen in den letzten Jahren immer weniger geworden sind. Schön langsam spürt man aber auch hier einen kleinen Aufschwung. Mit Salomon und Atomic bin ich auch in diesem Bereich an einigen Projekten beteiligt, die den Sport für Schüler wieder schmackhafter machen sollen. Aber nicht mit dem Ziel Weltcupsieger heranzuzüchten, sondern ihnen in diesem Bereich eine Ausbildung zu ermöglichen.

Glaubst du, wird es in Zukunft weniger Sportarten geben?
Ich glaube, dass das Angebot sogar noch breiter wird. Dadurch werden viele Sportarten aber auch sehr inflationär. Gewisse Dinge brauchen einfach ihren „Hero“, an dem man sich anhält. Wenn die Auswahl an „Heroes“ zu breit wird, wird es schwer, sich wo anzuhalten. Auf der anderen Seite kann jeder seinen persönlichen Interessen nachgehen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Beim Skifahren versucht man durch die gestürzte Startreihenfolge mehr Spannung zu erzeugen, das Feld enger zusammenrücken zu lassen und in der Folge viele verschiedene Sieger zu haben. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, weil jede Sportart ihre Superstars braucht. Ich habe beispielsweise keine Ahnung vom Golfen, spiele es auch nicht sonderlich gut und gerne, und trotzdem kenne ich Tiger Woods. Beim Skateboarden ist das ein Tony Hawk und beim Surfen ein Kelly Slater. Würde jedes Mal ein anderer gewinnen, hätte ich wahrscheinlich noch nie von diesen schillernden Persönlichkeiten und der Sportart gehört. Persönlichkeiten wie Hermann Maier, Marcel Hirscher oder Bode Miller stechen einfach heraus, weil sie Seriensieger sind und dadurch auch dem Sport zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Inwiefern haben sich deine Träume und Ziele nach dem Unfall verändert?
Ich habe eigentlich schon immer sehr bewusst zwischen sportlich, beruflich und privat unterschieden. Meine Lebensziele sind allgemein sehr hoch angesiedelt- und einige habe ich auch schon erreicht. Ich bin sehr zufrieden mit meinem bisherigen Leben, und am Ende des Tages ist diese Zufriedenheit das Wichtigste. Früher war der Sport diese Erfüllung, und nun ist es die Selbstverwirklichung im Beruf. Mein momentanes Ziel ist es, den Master abzuschließen. Den mache ich gerade in BWL mit Schwerpunkt Sportmanagement fertig und bin bis auf kurze Unterbrechungen seit 2000 bei Salomon und seit 2008 im Marketing tätig. Hier helfe ich viel bei der Ski-, Schuh- und Bindungsentwicklung mit. Außerdem betreue ich Projekte im Marketing wie zum Beispiel mit dem ÖOC und halte Vorträge und Mitarbeiter-Workshops zu Themen wie mentale Widerstandsfähigkeit und dem Umgang mit Rückschlägen. Da gebe ich meine Erfahrungen vor allem an junge Führungskräfte weiter und kann einiges von meinem Studium in die Praxis umsetzen.
Mir ist es wichtig, immer interessante Tätigkeiten zu haben, sodass auch der Beruf nicht als verlorene sondern als gewonnene Lebenszeit zu sehen ist. Wichtig ist es, der Familie und sich selbst genügend Raum zu geben.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, wie würde der lauten?
Wenn ich den einen Wunsch hätte, wäre der einzige, dass alles genauso weitergeht, wie es jetzt ist. Da bin ich auf dem richtigen Weg und ich glaube, das können nicht viele sagen. Ich mache sehr viel dafür, aber ich mache es auch gerne. Ich bin sehr froh, dass ich für so viele Dinge so dankbar sein kann. Eine gewisse Bodenständigkeit und Flexibilität ist sehr wichtig.

Photocredits: Helmut Lackinger
bzw. Privatarchiv

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *