Die 2-fache Weltmeisterin und Olympiateilnehmerin im Kajak-Wildwasser-Slalom Corinna Kuhnle über die vergangene Saison und neue Ziele.

Die Hände sind ganz klamm und kalt von der Herbstluft, halten steif und ungelenk das Paddel. Der Raft-Guide brüllt knappe Kommandos: „Links vor! Hopp, hopp,hopp! Rechts einmal zurück! Hopp! Pause!“ Verwirrung. Dann unkoordiniert ausgeführte Paddelschläge der Besatzung, zu spät.
Wie ein Stück Treibgut wird das Raft-Boot von der schäumenden Strömung mit einem Ruck erfasst und herumgewirbelt. Mit dem Heck voran schießt es über eine Wasserwalze – die Paddel nun nutzlos in der Luft – und schlägt unsanft auf der sprudelnden Wasseroberfläche auf. Wird von der nächsten Welle erfasst, die das Boot gegen die Betonwand presst, bevor die Strömung es wieder freigibt.

Der Wildwasserkanal der VERBUND-Wasserarena auf der Donauinsel ist Respekt einflößend. Bis zu 12 Kubikmeter Wasser in der Sekunde können durch den 250 m langen Kanal gepumpt werden, der sich u-förmig den künstlichen Hang runterwindet.
Die Mannschaft im Raft-Boot, die aus einer Truppe Journalisten und generell Sportinteressierten besteht, wird von den Wassermassen eine Stunde lang gehörig durchgewalkt.

Durch das rauschende Getöse des Wildwasserkanals, reguliert auf Schwierigkeitsstufe 3, manövriert sich auch Corinna Kuhnle in ihrem Kanu. Für sie ein Trainingstag wie jeder andere. Die 29 jährige Wildwasserkanutin aus Höflein ist eigentlich an härtere Bedingungen gewöhnt. Ohne Anstrengung, so wirkt es, bewegt sie ihr schwarzes Kanu durch die sprudelnden Wellen.

Zwei Stunden vorher übten die Journalisten noch ihren üblichen Job aus und stellten Fragen. Alle waren der Einladung zu einem Pressegespräch mit der Wildwasserkanutin gefolgt und das Setting unterschied sich kaum von anderen Pressekonferenzen: Viele Stehtische, ein Buffet und kaffeetrinkende Redakteure. Während die junge Kanutin von der vergangenen Saison erzählt, lehnt sie sich leicht an einen der Stehtische, die für den Medienstammtisch aufgebaut wurden.

Bereits zweimal in Folge, im Jahr 2010 und 2011 war sie Weltmeisterin. Bei den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer in Rio, erpaddelte sie sich immerhin den fünften Platz. Für Corinna war es die erste Olympiade. „Das Training für die Qualifikation war ein extrem langer und anstrengender Prozess“, erinnert sie sich. „Es dauerte von September bis Anfang Juni, da war dann ein Druck von 7 bis 8 Monaten Vorbereitung“.

Das Jahr davor war für ihre Verhältnisse mehr von Misserfolgen als Erfolgen geprägt gewesen und eine mega Enttäuschung, so Corinna. „Die WM war ein voller Verhau“.
Trotzdem konnten sie und ihr Team wichtige Erfahrungen aus der vergangenen Saison ziehen.
Sie setzten sich zusammen, Conny, der Trainer, der Manager, der Mentalcoach, sprachen sich aus und analysierten. Neue Ziele wurden gesteckt: die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio. Dafür habe sie auf viele Wettkampffahrten verzichtet, keine Weltcups, die ein völlig anderes Training für sie bedeutet hätten, denn Rio hatte Priorität.

Ihr Alltag, ein Fulltime-Knochenjob.
In einer normalen Woche verbringe sie jeden Tag am Wasser und davon drei in der Kraftkammer, wenn sie sich für die Weltmeisterschaften vorbereitet. „Da geht es dann hauptsächlich um funktionelle Krafteinheiten, kombiniert mit speziellen Übungen. Das Hauptaugenmerk liege dabei auf Sachen wie Rumpfstabilität, erzählt sie. Wirklich fix eingeplante Ruhetage gäbe es nicht, das falle sehr intuitiv aus. Mal trainiere sie sechs Tage am Stück und hat dann einen Tag Pause, mal seien es drei mit einem Tag zum Ausruhen.

Doch während die gängige Assoziation von Entspannung mit Bildern von Sofas einhergeht, ist es im Falle Corinna Kuhnles (Überraschung) ebenfalls ein Kanu.
Denn, so fügt Conny hinzu, es könne auch sein, dass sie auch am Ruhetag im Wasser sei.
Das Training betrifft aber nicht nur Corinnas physische Kraft und Ausdauer, auch mental hat sich sie sich auf den hohen Leistungsdruck vorbereiten müssen. Für sie hatte es zuerst eine krasse Umstellung bedeutet, ihren Mentalcoach in den Wettkampfrhythmus miteinzubinden. Während der Qualifizierung zur Olympiade, sei es beim Aufwärmen, während der Spiele und danach, wurde sie von ihm begleitet. „Er hat mich extrem gestützt und ein stabiles Umfeld gebaut“ sagt Corinna und viel Dankbarkeit liegt in ihrer Stimme.

Im Spitzensport geht es, wie in anderen Berufsfeldern auch, um den Erfolg. Athleten sind mit einem enormen Leistungsdruck konfrontiert, nach dem Prinzip schneller-höher-weiter.
Der Coach habe für sie wie ein Ruhepol gewirkt und sie runtergeholt, weg von der Tribüne, weg von den Zuschauern. Die menschliche Kraft kann aber nicht endlos maximiert werden, auch einem Profi sind Grenzen gesetzt. „Meine persönliche Leistung bleibt immer die dieselbe die ich abrufen kann. Ich probiere dann bei den Spielen nicht, was anderes zu machen oder noch mehr rauszuholen“ betont Corinna .

Aufgeregt oder nervös sei sie aber nie. „Im Vergleich zu anderen bekomme ich relativ spät diese Spannung vor dem Wettkampf“. Der Abend vorher sei genauso wie jeder andere, es gebe kein Schnitzel und Bier zum Abendessen, scherzt sie und bringt die Versammelten im Raum damit zum Lachen.

Die nächsten Fragen drehen sich rund um Corinna Kuhnles Zukunft. Ob sie sich für Olympiade 2020 in Tokyo qualifizieren wird, kommt zuerst. „Hoffentlich“, antwortet sie sofort, als hätte sie darauf gewartet, „es ist sicherlich ein Ziel.“ Es wäre zwar ein langer Prozess und würde noch vier Jahre dauern, aber probieren würde sie es auf jeden Fall.

In der kommenden Saison legt die Wildwasserkanutin ihr Hauptaugenmerk auf die großen Events wie EM und WM. „Speziell die EM ist etwas Besonderes, weil ich da noch keine Goldene zu Hause habe.“ Corinna Kuhnle hat noch viele Pläne, über einen Plan B denkt sie nicht nach.
Vielleicht, weil es im Sport auch viel um das Durchhalten geht. Und weil es für sie nicht nur eine Karriere ist. „Es ist mein großes Ziel und mein Traum, einfach weiterzumachen. Es gibt im Moment nicht anderes was ich mir vorstellen kann, was mir so viel Spaß macht.“k

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