Patrick Guimez zählt zu den Urgesteinen von Masters of Dirt. 37 Jahre und fast genauso viele Knochenbrüche kann der Franzose bereits auf seinem Konto verbuchen, was ihn offensichtlich nicht davon abhält, die Show zu rocken! 

Patrick, seit wann bist du bei Masters of Dirt dabei?
Seit der allerersten Show bin ich ein Teil von M.O.D.!

Wir haben uns ja letztes Jahr das erste Mal getroffen, und ahnungslos habe ich dir damals die Frage gestellt, wie gefährlich es ist, was ihr da macht! Du hast mir dann erzählt, dass du in deiner Karriere insgesamt schon 30 Knochenbrüche hattest. Nachdem du jetzt ein Jahr Zeit hattest, an dieser Statistik zu arbeiten…wie gefährlich ist der Sport?
Mittlerweile habe ich diese Statistik auf 34 Knochenbrüche „verbessert“! Ich habe mir vier Knochen innerhalb von nur einem Monat gebrochen. Im September habe ich mir einen Wirbel gebrochen, was aber halb so wild war! Nur ein paar Wochen später brach ich mir dann Schien- und Wadenbein!

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Matthias Stelzmüller im Talk mit M.O.D. Legende Patrick Guimez

Wurdest du deswegen aufgeschnitten oder bist du mit einem Gipshaxn davongekommen?
Leider ersteres! Am Ende waren es sogar zwei Operationen, weil die erste nicht nach meinem Wunsch verlaufen ist. Die Ärzte meinten zwar, dass ich keine zweite brauche, aber es hat sich nicht gut angefühlt, und im Röntgen sah man, dass die Knochen nicht wirklich in der „richtigen Position“ sind. Ich habe dann darauf bestanden, dass das korrigiert wird.

Und jetzt, Ende Jänner, bist du wieder zurück auf dem Bike?
Nein, leider noch nicht. Ich mache seit über einem Monat eine Therapie in einer speziellen Einrichtung für Profiathleten. Jetzt habe ich die Reha unterbrochen, um nach Wien zu den Shootings zu kommen; aber wenn ich zurück bin, geht es bis Mitte Februar sofort mit der Reha weiter.

Ich nehme an, die Reha ist pure Entspannung im Vergleich zu deinem mit Adrenalin vollgepumpten Alltag?
Ganz falsch: Die Reha ist total verrückt! Dort wird sechs Tage pro Woche und neun Stunden pro Tag fast durchgehend trainiert, und ich komme dabei an meine Grenzen. Das Rehazentrum ist unglaublich gut ausgerüstet. Ich trainiere dort gemeinsam mit bekannten Fußball- und Rugbyspielern, Olympioniken und Co..
Glücklicherweise ist es nur 15 Minuten von meinem Haus entfernt, sodass ich zu Hause schlafen kann.

20 Jahre Patrick Guimez <3

Wieso ist die Reha so intensiv?
Wenn du nach der Verletzung, wie ich sie habe, zurückkommen willst, dann dauert das normalerweise mindestens sechs bis acht Monate. Wir wollen es in drei Monaten schaffen, und deswegen geben wir so viel Gas. Ich will bei Masters of Dirt einfach zu 100% zurück sein und eine geile Show abliefern.

 I WANT TO ROCK IT.

Steigt man nach so einem Unfall nicht immer mit dem Gedanken im Hinterkopf aufs Bike, dass es das nächste Mal genauso schlimm ausgehen könnte?!
Um ehrlich zu sein, habe ich Angst nach so einer Verletzung. Vor allem weil ein Bein betroffen ist, was bei den Tricks einfach am meisten belastet wird. Solche Gedanken hast du immer im Kopf, aber das Coole an der Therapie ist auch, dass man sehr viel im mentalen Bereich mit Psychologen arbeitet. Einmal pro Woche spreche ich also über meinen Unfall und arbeite das Ganze dadurch auf. Ich denke, dass ich allgemein mental sehr stark bin. Nach 34 Knochenbrüchen kein Wunder… Wenn ich stürze und merke, dass ich verletzt bin, ist mein erster Gedanke immer sofort: „Hoffentlich kann ich bald wieder aufs Bike!“

Worum geht es für dich im Leben? Warum riskierst du es für deine Leidenschaft?
Viele Leute glauben ja, dass wir verrückt sind, aber das stimmt nicht. Wenn du etwas so lebst, wie wir es leben, dann ist es Leidenschaft. Ich lebe es zu 100 % und würde es für nichts aufgeben. Wenn ich nochmal 10 Jahre anhängen kann, dann werde ich es machen.

Oder 20! Ich sehe das so wie du. Wer seine Passion nicht lebt, riskiert viel mehr. Um ein erfülltes Leben zu haben, musst du riskieren.
Es ist besser, im schlimmsten Fall ein kürzeres Leben zu haben und das zu tun, was du liebst, als darauf zu warten, dass irgendetwas passiert und am Ende des Tages nichts war. Ich will kein Mensch sein, dem sein Leben vorgegeben wird, ich entscheide selbst, wie mein Leben aussieht! F*CK IT!

Hast du Angst vor der Zeit nach dem Sport? Nachdem du ja voraussichtlich nicht für immer biken wirst…
Nein, weil ich schon sehr früh begonnen habe, mich nebenbei für andere Dinge zu begeistern und Projekte umzusetzen. Ich manage zum Beispiel einige Events und habe meine eigene Bekleidungsfirma. Also ich denke, dass ich einen guten Hintergrund habe und dem Sport in irgendeiner Form ohnehin erhalten bleibe. Vielleicht werde ich Athleten betreuen oder Shows veranstalten. Also nein, Angst habe ich keine. Das einzige Problem, das ich momentan habe, ist, dass ich dieses Jahr 38 werde und die Leute immer öfter sagen: He, willst du nicht aufhören? Bist du nicht zu alt dafür?
Aber ganz ehrlich: Was bedeutet das Alter? Gar nichts! Wenn du in Form bist und noch immer Lust auf das hast, was du tust, dann mach es einfach – und mach es mit Herz!
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Ich habe vor kurzem erst eine kleine Doku über Jaromir Jagr gesehen. Der wurde gerade 45 Jahre alt und spielt noch immer in der NHL!
Natürlich! Also fuck it! Wenn du mental stark bist, mach es einfach. Ich sehe keinen Grund, warum eine Karriere einfach ab einem gewissen Alter enden sollte, wenn du noch gut bist und Leidenschaft verspürst. Das macht einfach keinen Sinn! Georgie macht immer Witze und sagt, dass er hofft, dass ich  mit 50 noch immer für sie fahre. Wenn ich 50 und noch fit genug bin, dann werde ich dabei sein! Darauf kannst du dich verlassen!

Deine Bekleidungsfirma betreibst du nach wie vor nebenbei?
Ja, aber wir werden sie wahrscheinlich schließen, weil das Geschäft in Europa ziemlich hart geworden ist. Es gibt einfach so viele Labels, und wir sind halt nicht Nike oder Adidas.

Momentan bauen wir dafür eine andere Firma aus, die Socken produziert, und auch eine weitere in der Bikebranche. Ich mache Dinge, weil ich sie liebe, und nicht wegen dem Geld. Das Geld, das ich in all den Jahren verdient habe, habe ich wieder investiert. Ich bin nicht dumm, ich habe ein Haus und ein Dach über dem Kopf und werde mir demnächst auch ein zweites Haus als Investment zum Vermieten kaufen. Also ich werde sicher nicht mit dem Geld um mich werfen und gambeln!

Wie wichtig ist Geld in deinem Leben?
Pfffff. Ich würde sagen: Man braucht natürlich ein gewisses Einkommen, aber du brauchst nicht so viel, wie die meisten glauben. Reich zu sein ist nicht so wichtig wie glücklich zu sein. Ich denke mir nie: Oh ich brauche so viel Geld oder dies oder das. Das einzige, was mich bewegt wenn ich aufwache, ist glücklich zu sein. Ich habe genug zu essen, ich kann tun was ich will, und das reicht mir! Ich muss nicht neidisch sein auf irgendwen, der einen Ferrari fährt oder so.

Ich habe überlegt, mich ein bisschen mit Sportmode zu befassen, aber nicht, weil ich glaube, damit reich zu werden – ich suche irgendwie eine neue Herausforderung…
Natürlich! Im Leben geht es um Herausforderungen. Und du solltest so wenig bereuen wie möglich. Zumindest so wenige Dinge wie möglich nicht gemacht zu haben. Eines Tages blickst du zurück auf dein Leben und wünscht dir vielleicht, gerade das getan zu haben. Also was immer dich gerade quält, vielleicht solltest du es einfach machen!

Patrick Guimez mit zwei Weltrekorden bei M.O.D. 

Du warst ja mal Trainer vom Olympischen BMX Team. Wieso wolltest du selbst nie zu den Spielen und wieso hast du dich für eine Freestyle-Karriere entschieden?
Begonnen habe ich den Sport als BMX Rennfahrer. Ich war ziemlich gut, hatte aber nie diesen Killerinstinkt im Rennen. Ich war technisch sehr gut, aber dieser Wille, wie ein Verrückter abseits der BMX Bahn zu trainieren, der hat mir gefehlt. Heutzutage ist ein guter Rennfahrer nicht mehr der, der die meiste Zeit am Rad verbringt, sondern der, der zusätzlich auch physisch der stärkste ist – und ich wollte einfach immer nur am Bike sein. Als ich 15 war, begann ich immer mehr Tricks einzustudieren, bis ich mit 17 Profi-Styler wurde. Ich habe zwar mit dem Rennfahren weitergemacht, was irgendwann schwierig war – abgesehen davon, dass mir die Rennen im Vergleich nicht so viel Spaß gemacht haben. Für mich war es einfach nicht der richtige Weg. Die Erfahrung, bei den Olympischen Spielen zu sein, wenn auch als Trainer, war eine der faszinierendsten meines Lebens. Überhaupt als komplett zu tätowierter Typ die Chance zu bekommen, Trainer für die Olympiamannschaft zu sein, war etwas Besonderes. Zu Beginn dachte ich auch, dass mein Äusseres Probleme in so einem Bereich machen könnte, aber es war einfach nur unvergleichlich! Wir waren ein tolles Team, und am Ende haben zwei Olympiamedaillen für meine Athleten rausgeschaut! Aufgrund der Erfolge wurde ich auch gefragt, ob ich für eine weitere Olympiaperiode Trainer sein wolle, aber ich habe abgelehnt. Ich habe gutes Geld verdient und es war eine richtig coole Zeit, aber es war nicht mein Leben. Ich wollte damals, mit 27, einfach meine eigene Profikarriere vorantreiben, auch wenn es das größere Risiko war. Ich habe mich damals für meine Leidenschaft entschieden.

Lustig, dass du Bedenken wegen deinen Tattoos hattest!
Ja klar! Du arbeitest für einen angesehenen Verband, der möglicherweise konservativ ist, und dann sehen die dich und denken sich wahrscheinlich nur: Was stimmt mit dem nicht?

Ist es bzw. war es ein Problem, dass du….“ein bisschen“ extrem aussiehst?
Zu Beginn ein wenig, aber sobald man mich kennengelernt hat, war es absolut kein Problem mehr. Es hat dann richtig gut gepasst! Die Sportler sind damals oft und gerne zu mir gekommen, vor allem wenn sie Druck hatten und eine Schulter zum Ausweinen brauchten. Es war deshalb auch kein 9-18 Uhr Job sondern einfach 24/7. Wenn sie mich gebraucht haben, war ich da.

Mein Eindruck von dir: Wenn ich dich in einem Anzug treffen würde und die Tattoos nicht sehen könnte, würde ich es dir auch abkaufen! Was war das erste Tattoo, dass du dir stechen hast lassen?
Das erste Tattoo habe ich mir mit 15 auf meinen Rücken stechen lassen. Es ist ein polynesisches Zeichen. Ich bin mit Polynesiern aufgewachsen, und das ist eigentlich der Grund, weshalb witzigerweise alle meine Freunde und ich polynesische Tattoos haben. Ab 25 habe ich dann allerdings realistischere Tattoos bevorzugt und begonnen, mich überall tätowieren zu lassen. Aber noch ist das Werk nicht abgeschlossen: Auf meinem Rücken und meiner Brust sind noch ein paar freie Stellen. Ich will komplett bedeckt sein. Bis auf das Gesicht…das bleibt frei!

Da soll noch einer sagen, dass Interviews langweilig wären. Nicht bei uns!
Da soll noch einer sagen, dass Interviews langweilig wären. Nicht bei uns!

Ich habe ein Video gesehen, in dem du dir mitten in einem Supermarkt ein Tattoo stechen lässt!
Ja, das war zum Spaß für einen Clip. Ein Freund hat mich damals gefragt, ob ich Lust darauf hätte. Wir haben allgemein viel experimentiert! Ich habe mir drei Tattoos selbst gestochen. Es macht einfach Spaß.

Bist du talentiert – oder sieht man, dass du es selbst gemacht hast?
Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin grottenschlecht! (Lacht) Aber egal. Es gehört einfach zu meinen Erinnerungen und Abenteuern und steht für etwas Besonderes. Wenn ich es später mal anschauen werde, frage ich mich wahrscheinlich, wie blöd ich nur sein konnte! (Lacht)

Das Tattoo, dass du in deiner Handfläche hast, finde ich richtig geil! Ich glaube ich würde es ziemlich oft herzeigen. (Tattoo = Fuck off)
(Lacht) Oh Mann, das war eine lustige Geschichte! Wir hatten eine unglaubliche Party in Barcelona und ich war ziemlich betrunken. Wir haben einen Typen mitten im Club gesehen, der die Leute tätowiert hat! Ich musste natürlich auch eines haben. Wir haben uns eine Stunde angestellt, und als ich endlich dran kam, hat er mich gefragt, welche von seinen Vorlagen ich haben wolle. Ich habe zu ihm gesagt, dass ich keines von seinem Standardshit haben wolle. Er sagte dann: What the fuck do you want? Meine Antwort drauf: Fuck off. In dem Moment dachte ich mir dann… He… das ist eine gute Idee. Wie ich am nächsten Tag aufgewacht bin, habe ich meine Hand nicht wiedererkannt. Aber jetzt gehört es zu meinem Körper, obwohl ich oft versucht habe, es loszuwerden. Zum Beispiel habe ich meine Hand beim Surfen immer am Brett gerieben… bis ich eine Infektion bekommen habe. Das war der Moment, in dem ich eingesehen habe, dass ich es behalten muss.

Also magst du es mittlerweile, oder akzeptierst du es nur?
Ich liebe es, aber ich muss demnächst “Sorry” in die andere Hand tätowieren lassen!

Photocredits: Masters of Dirt; PACOimages

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