Schon seit Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro kämpfen die Veranstalter mit leeren Rängen auf den Tribünen. Das Transportchaos und auch die teils fehlende Akzeptanz des Großevents gelten als Hauptgründe für das Fernbleiben der Fans. Besucht werden meist nur Wettkämpfe, in denen Brasilianer gute Medaillenchancen haben. Mit wenigen Ausnahmen: Superstars wie Usain Bolt oder Michael Phelps sind absolute Publikumsmagneten – selbst für das chauvinistische brasilianische Publikum. 

Lokalmatadore werden von den Zuschauern frenetisch bejubelt, während unmittelbare Gegner der Brasilianer häufig ausgepfiffen und ausgebuht werden. Die Gastgeber wurden in dieser Hinsicht nicht vom olympischen Geist angesteckt. Der Franzose Renaud Lavillenie, der hinter dem Brasilianer Thiago Braz da Silva Silber gewann, bekam dies in aller Härte zu spüren und lies sich anschließend zu einem drastischen Vergleich hinreißen. Lavillenie sah eine Parallele zum US-Amerikaner Jesse Owens, der 1936 in Berlin von den Nazis ebenfalls unfair behandelt wurde. Später entschuldigte sich der Olympiasieger von 2012 für seine Aussagen. Bei der Siegerehrung nahm er seine Silbermedaille schließlich weinend in Empfang.

Auch Österreichs Sportler hatten mit den Zuschauern zu kämpfen. Allen voran die Beachvolleyballer Doppler/Horst, die vor vollem Haus gegen die Brasilianer und späteren Olympiasieger Alison/Bruno spielten und den Hass von den Rängen zu spüren bekamen. Dennoch entschieden sie das Match sensationell für sich. Selbst beim kleinsten Brasilien-Bezug beginnen die Zuschauer zu jubeln. So wurde etwa im Boxen mangels heimischer Athleten kurioserweise ein Kampfrichter angefeuert.

Dass das allgemeine Interesse am Sport nicht größer ist, hängt auch mit den schwierigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen im fünftgrößten Land der Welt zusammen. Derzeit erlebt Brasilien die tiefste Rezension der Geschichte – ausgelöst mitunter durch korrupte Regierungsmitglieder. Das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff läuft, doch auch Interimspräsident Michel Temer darf sich keiner großen Zustimmung der Bevölkerung erfreuen. Bester Beweis dafür war das Pfeifkonzert der Zuschauer, während Temer die Olympischen Spiele für eröffnet erklärte.

Ein Touristenführer in Rio meinte im Gespräch mit DailySports: „Es ist sehr schön hier, aber es könnte noch besser sein. Olympia ist toll, nur gibt es derzeit größere Probleme hier in Brasilien. Vor allem in der Politik und in der Wirtschaft.“ In welcher Situation das Land im Moment tatsächlich steckt, wird bei einem Lokalaugenschein einige Meter abseits der Olympia-Sportstätten schnell ersichtlich. Ein Armenviertel reiht sich an das nächste, ganz besonders im Norden der Stadt. Dort geht es nicht um Hundertstelsekunden oder Zentimeter, sondern täglich um das blanke Überleben. Kein Wunder, dass unter derartigen Umständen nicht jede Halle bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Aus Rio de Janeiro berichtet Thomas Rathgeb

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